Alltagsnormalität und Freuden in Zeiten von Corona
Alltagsnormalität und Freuden in Zeiten von CoronaFoto-Quelle: Schönes Leben Gruppe

Altenpflege in Zeiten von Corona: "Unsere Teams leisten seit Monaten großartige Arbeit"

Corona geht nicht einfach weg. Nach einer kurzen Phase des Durchatmens im Sommer, ist das Virus heute so präsent wie im Frühjahr. Besonders gefährdet sind Senioren und kranke Menschen. Umso bedeutender ist die Arbeit von Altenpflegerinnen und -pflegern. Monika Nirschl, Geschäftsführerin beim Seniorendomizilbetreiber compassio, erklärt im Interview das Schutzkonzept der Einrichtungen, wie sich Senioren angesichts der Gefahr fühlen und was die Menschen in der Pflege leisten.

Frau Nirschl, wie haben Sie die Corona-Krise in Ihren Einrichtungen bislang gemeistert?

Unsere compassio Einrichtungen konnten in der Krise bisher gut bestehen. Bei uns gab es in den zurückliegenden Monaten die gesamte Bandbreite an Situationen – Häuser, die betroffen waren von Covid-19-Ausbrüchen, Häuser mit Verdachtsfällen und glücklicherweise viele Häuser, in denen es bislang keine Vorkommnisse gab. Seit Mai hat sich die Lage entspannt. Dennoch tragen wir mit höchstem Engagement und größter Vorsicht dazu bei, dass eine erneute Verbreitung nach wie vor im Griff gehalten wird.

Ältere Menschen gehören zur Risikogruppe. Was bedeutet das für die Pflege?

Corona ist Bestandteil unserer neuen „Alltagsnormalität“. Wir haben uns frühzeitig intensiv mit der Pandemieplanung beschäftigt und in einem Krisenstab, der bis heute aktiv arbeitet, Schutzmaßnahmen für unsere Bewohner und Mitarbeiter auf den Weg gebracht. Auch befinden wir uns weiterhin in engem Austausch mit den Gesundheitsbehörden und den Landesbehörden und setzen deren Vorgaben sowie die des Robert-Koch-Instituts um.

Welche Schutzmaßnahmen haben Sie konkret getroffen?

Die Einhaltung von Hygieneregeln wie auch die Pflege mit Schutzbekleidung und Mund-Nasen-Schutz ist gut eingeübt und inzwischen Normalität für die Mitarbeiter im Haus. Seit Anfang Mai sind Angehörigenbesuche zwar reglementiert, aber unter Wahrung von höchsten Schutzvorkehrungen wieder erlaubt. Das ist eine gute Entwicklung, die Bewohnern und Mitarbeitern guttut und ein kleines Stück Normalität in den Alltag zurückbringt. Hier gilt es, eine Balance zu finden zwischen den Bedürfnissen unserer Bewohner an sozialer Teilhabe und Alltagsnormalität gegenüber den Anforderungen des Infektionsschutzes.

Gerade jetzt kommt es noch mehr auf gute und verantwortungsvolle Pflege an,  ...
Gerade jetzt kommt es noch mehr auf gute und verantwortungsvolle Pflege an, aber auch auf kleine Freuden des AlltagsFoto-Quelle: Schönes Leben Gruppe

Wie schwer war es zu Beginn der Maßnahmen, den Bewohnern zu sagen, ihre Angehörigen dürfen sie nicht mehr besuchen?

Unsere Bewohnerinnen und Bewohner haben unter dem Besuchsverbot ihrer Angehörigen gelitten. Nähe und körperlicher Kontakt zu Bezugspersonen, insbesondere Kindern und Enkelkindern fehlte. Wir sorgen uns sehr gerade um unsere dementiell erkrankten Bewohnerinnen und Bewohner. Je nach Schweregrad der Erkrankung verlieren diese den Bezug zu ihren Lieben. Dennoch haben wir stets große Akzeptanz und Verständnis für die Maßnahmen erfahren, auch wenn es in den Sommermonaten schwieriger wurde, deren Aufrechterhaltung auch gegenüber Angehörigen zu vermitteln. Die leider nun wieder steigenden Infektionszahlen zeigen, dass wir weiterhin gut daran tun, vorsichtig zu bleiben.

Mit zusätzlichen Angeboten?

Unser Betreuungs-Team hat durch vielfältige Angebote an Betreuungsaktivitäten einzeln oder in Kleinstgruppen Abwechslung in den Alltag gebracht und sich intensiv um die Belange der Bewohner gekümmert; das ermuntert und spendet Trost. Die regelmäßigen Besuche und die körperliche Nähe durch vertraute Personen, wie Ehepartner oder Kinder, können dadurch nicht ersetzt werden.

Überwiegt bei den Senioren die Angst vor Corona oder doch der Lebensmut?

Hochbetagte Menschen mit vielfältigen Erkrankungsbildern gehören zu den Bevölkerungsgruppen, die auf gesellschaftliche Solidarität angewiesen sind. Das gilt auch und insbesondere in Zeiten von Corona. Aber das darf nicht dazu führen, Menschen in ihren Rechten zur sozialen Teilhabe dauerhaft zu beschneiden. Unsere Bewohner haben großes Verständnis für die Vorkehrungen – wohlwissend, dass wir alle alles tun, um das Virus von unseren Einrichtungen fernzuhalten. Sie haben die Situation mit einer Gelassenheit angenommen und die Notwendigkeit verstanden.

Und wie gehen die Mitarbeiter mit der Situation um?

Unsere Teams leisten seit Monaten großartige Arbeit. Alle arbeiten zusammen und haben einen enormen Zusammenhalt entwickelt. Diese Leistung und Einsatzbereitschaft machen uns in der Geschäftsführung sehr stolz. Das Verständnis für die Schutzmaßnahmen war immer vollumfänglich vorhanden und was noch wichtiger ist, die Maßnahmen werden auch stringent angewendet. Als Team haben uns die Ereignisse weiter zusammengebracht.

Monika Nirschl (51) ist Geschäftsführerin bei compassio und verantwortlich f ...
Monika Nirschl (51) ist Geschäftsführerin bei compassio und verantwortlich für 20 Seniorenheime in Bayern. Die diplomierte Ingenieurin blickt auf mehr als 20 Jahre praktische Erfahrung in der Langzeitpflege zurück.Foto-Quelle: Schönes Leben Gruppe

Doch die Corona-Gefahr bleibt akut.

Das Virus ist immer noch mitten unter uns und wird sich verbreiten, sollten die Hygiene- und Schutzmaßnahmen nicht weiter beachtet werden. Der effektivste Schutz, so die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts, ist die Einhaltung des Abstandsgebotes, das korrekte Tragen des Mund-Nasen-Schutzes, die Befolgung von Hygieneregeln sowie nun im Herbst und Winter regelmäßiges Lüften. Zudem sollten soziale Kontakte weiterhin vorsichtig und mit Bedacht gepflegt werden – insbesondere auch dann, wenn man selbst mit Risikogruppen wie älteren Menschen Kontakt hat. Neben der Einhaltung der Nieß- und Hustenetikette gehört unbedingt dazu, bei Erkrankungen der Atemwege andere nicht zu gefährden und Kontakte zu meiden.

Also auf keinen Fall nachlässig werden?

Alle Orte der Gemeinschaft und damit auch Pflegeeinrichtungen bleiben auch in Zukunft Orte, an denen sich das Virus schnell verbreiten kann. Wenn dieses den Weg in eine Einrichtung findet, dann ist eine Ausbreitung nur schwerlich zu verhindern mit entsprechenden Folgen. Genau diese Konsequenzen sind nicht mehr allgegenwärtig in den Köpfen der Menschen. Sollten wir nachlässig bei der Einhaltung der Schutzmaßnahmen werden, dann gefährden wir Risikogruppen.

Corona-bedingt wurde und wird viel über Altenpflege berichtet.

Die sozialen Berufe wurden durch die Pandemie in den Mittelpunkt gerückt. Zuversichtlich bin ich, dass nach dieser Krise in der Öffentlichkeit ein anderes Bewusstsein vorhanden sein wird, wie wertvoll und wichtig die Pflege in diesem Land tatsächlich ist und dass man der Arbeit, die jeden Tag in bewundernswerter Weise geleistet wird, endlich die Wertschätzung und die Bedeutung beimisst, die sie verdient.

Wie könnte die aussehen?

Das bedarf mehr als Lippenbekenntnisse und Einmalbonuszahlungen, sondern auch die Fachlichkeit von Mitarbeitenden in Langzeitpflegeeinrichtungen zu sehen und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Schluss- endlich muss die Gesellschaft definieren, was ihr in Zukunft eine gute Pflege wert ist.

Die compassio GmbH & Co. KG Ulm ist mit über 3200 Mitarbeitern und 33 Seniorendomizilen in Deutschland ein expandierendes Dienstleistungsunternehmen im Bereich Seniorenpflege und -betreuung – und geschätzter Partner der ERL Immobiliengruppe.

Christian Böhm
Christian Böhm

hält Pflege für eines der wichtigsten Themen überhaupt, weil sie jeden jederzeit in irgendeiner Form betreffen kann. Immobilien sind für ihn nicht nur Baukörper, sondern Orte der Begegnung. Und was die Zukunft betrifft, so ist Christian hoffnungsloser Optimist. An ERL mag er besonders, dass das Unternehmen voller großartiger Geschichten steckt. Sein Handwerk gelernt hat der gebürtige Niederbayer an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München.